Neue Lancierung: La Grande Année 2018
Am 23. August 2018 ist in Aÿ noch Hochsommer. Über der Marne flimmert die Luft, die Kreide in den Hängen ist warm und eigentlich denkt um diese Zeit niemand an die Lese. In der Champagne beginnt sie, wenn die ersten Morgennebel kommen. Nicht aber im Jahr 2018. An diesem Morgen stehen die Teams von Bollinger bereits im August mit ihren Scheren in den Reben. Drei Wochen früher als vier Jahre zuvor. Früher als fast je in den letzten Jahrzehnten.
Was an diesem Tag geschnitten wurde, hat seither kaum jemand zu Gesicht bekommen. Es gärte in Burgunderfässern, manche davon fast hundert Jahre alt. Es schlief rund sieben Jahre in den Kreidekellern von Aÿ, verschlossen mit echtem Naturkork statt dem Kronkorken. Dann wurde jede Flasche von Hand gedreht und von Hand degorgiert. Jede einzelne.
Jetzt ist er da. La Grande Année 2018.
Wir geben es zu: Wir hatten Respekt vor diesem Jahrgang. Ein heisser Sommer kann einen Champagner müde machen, breit, schwer, ein bisschen behäbig. Dann haben wir ihn Ende September in Bad Ragaz probiert, gemeinsam mit dem Team aus Aÿ. Und am Tisch wurde es still. Nicht aus Höflichkeit.
Denn dieser Wein macht etwas, das eigentlich nicht zusammengeht. Er schmeckt nach der Sonne dieses Sommers und ist dabei so wach wie ein klarer Morgen im März. Fülle ohne Gewicht. Kraft, die nicht laut wird. Wie ihm das gelingt, erzählt die Geschichte dieses Jahres. Und die beginnt mit Kälte.
Ein Jahr in vier Akten
Wäre 2018 ein Film, man würde dem Drehbuch die Wendungen nicht glauben.
Erster Akt: der Winter. Auf 2017 folgt ein langer, kalter Winter. Die Reben schlafen tief, der Saft bleibt lange im Stock, der Austrieb lässt auf sich warten. Ein Jahr, das spät anfängt. So dachte man jedenfalls.
Zweiter Akt: der Frühling. Mild, ruhig, fast freundlich. Die Reben treiben gleichmässig aus, die Blüte gelingt ohne Frost und ohne Verrieselung. Kein Drama. Die Ruhe vor dem Sommer.
Dritter Akt: der Sommer. Und dann kommt die Hitze. Wochenlang Sonne, kaum Regen, ein Sommer, wie ihn die Champagne nur selten erlebt. Die Trauben reifen im Zeitraffer. Und das eigentliche Wunder: Sie bleiben dabei kerngesund, und die Reben tragen reich.
Vierter Akt: die Lese. Der 23. August. Bollinger liest so früh wie seit Jahrzehnten kaum mehr. Zum Vergleich: 2014 begann die Lese am 15. September. Das Jahr, das spät angefangen hatte, endet früher als fast jedes andere.
In so einem Jahr entscheidet sich alles an einer einzigen Frage: Bleibt die Frische? Viele Häuser mussten sie 2018 ehrlich mit «teilweise» beantworten. Bei Bollinger, mit dem kühlen, nordexponierten Verzenay und den Kalkböden von Cuis im Rücken, lautet die Antwort: ja. Und wie.
2018 ist übrigens der erste von drei warmen Jahrgängen in Folge. Kenner vergleichen dieses Trio bereits mit 1988, 1989 und 1990, einer der legendärsten Serien, die die Champagne je erlebt hat. 2018 ist der Auftakt.
Die Vins clairs
Es gibt einen Moment, den die meisten Champagnertrinkerinnen und Champagnertrinker nie erleben: den Wein, bevor er perlt. Vins clairs sind die stillen Grundweine, ohne Bläschen, ohne Dosage, ohne die Jahre auf der Hefe. Sie verzeihen nichts. Kein Schaum, der etwas kaschiert. Nur Lage, Rebe und Jahr.
In Bad Ragaz standen drei davon vor uns. Drei Dörfer, drei Temperamente:
- Aÿ, Grand Cru, Pinot Noir. Die Heimat von Bollinger seit 1829, Südhänge über der Marne. Der Pinot hier hat Schultern. Er bringt Kraft, Fülle und dieses tiefe Fundament, auf dem alles andere steht.
- Verzenay, Grand Cru, Pinot Noir. Die andere Seite der Montagne de Reims, nach Norden gewandt, spürbar kühler. Derselbe Pinot, ein ganz anderer Charakter: gerade, straff, mit Rückgrat aus Stahl.
- Cuis, Premier Cru, Chardonnay. Ganz im Norden der Côte des Blancs, Kalk direkt unter der Rebe. Im Mund fast salzig, zitrisch, kühl wie Wasser aus einem Brunnen.
Einzeln wäre keiner davon ein grosser Champagner. Aÿ allein zu breit, Verzenay allein zu streng, Cuis allein zu schlank. Gemeinsam ergeben sie, was 2018 so besonders macht: die Sonne aus Aÿ, die Kühle aus Verzenay, den Kalk aus Cuis. Wer die drei einmal nebeneinander probiert hat, trinkt La Grande Année danach mit anderen Augen.
Hundert Jahre altes Holz
Dann ein Experiment, wie man es selten zu sehen bekommt. Vier Champagner aus den Versuchsreihen des Hauses: dieselbe Parzelle, dieselbe Rebsorte, derselbe Jahrgang 2018. Der einzige Unterschied ist das Gefäss, in dem der Wein vergoren und ausgebaut wurde. Ein Stahltank. Ein vier Jahre altes Fass. Ein 25 Jahre altes Fass. Und eine 50 Jahre alte Pièce mit 400 Litern statt der üblichen 228.
Der Stahltank wirkte präzise, aber eindimensional. Je älter und grösser das Holz, desto runder die Textur, desto leiser der Holzeinfluss selbst. Genau darum geht es Bollinger: Das Fass soll nicht nach Holz schmecken, sondern dem Wein Luft geben. Über die feinen Poren gelangt minimal Sauerstoff an den Wein. Das baut Textur auf und macht ihn langlebig.
Bollinger gehört zu den letzten Häusern der Champagne, die ihre grossen Weine vollständig im Fass vergären. Rund 4000 gebrauchte Burgunderfässer, in denen zuvor Chardonnay reifte, manche davon rund hundert Jahre alt. Gepflegt werden sie von Küfern im eigenen Haus, in der letzten hauseigenen Küferei der ganzen Champagne. Das ist kein Marketing. Das ist eine Entscheidung gegen jede Effizienz. Und man schmeckt sie.
Warum 2018 anders ist als alle davor
19 Crus, alle Grand Cru oder Premier Cru. 66 % Pinot Noir, vor allem aus Verzenay, Aÿ und Mareuil sur Aÿ. 34 % Chardonnay aus Avize, Chouilly und Cuis. Nur die Cuvée, also der erste und feinste Saft der Presse. Und eine Dosage von gerade mal 6 Gramm pro Liter.
Zahlen allein erzählen wenig. Neben die beiden Vorgänger gelegt, erzählen sie eine ganze Geschichte:
Drei Dinge springen ins Auge.
So viel Pinot Noir wie lange nicht. 66 % statt 60 oder 61. Bollinger ist ein Pinot Haus, mindestens 60 % stecken in jeder Assemblage. 2018 durfte der Pinot noch mehr Raum nehmen. Unsere Lesart: In einem warmen Jahr braucht es keinen zusätzlichen Chardonnay als Bremse, wenn Verzenay die Frische gleich selbst mitbringt.
Weniger Zucker als seine Vorgänger. 6 Gramm statt 8. Ein reifes Jahr trägt seine Rundung in sich und braucht keine Nachhilfe. Für uns ist das der klarste Beweis, wie viel Vertrauen das Haus in diesen Wein hat.
Cuis rückt nach vorne. Neben Avize und Chouilly wird diesmal auch der Premier Cru Chardonnay aus Cuis, eines der vier historischen Bollinger Dörfer, als tragende Herkunft genannt. Genau der kühle, salzige Chardonnay, den wir zuvor als Vin clair im Glas hatten.
2014 war ein Jahrgang der Spannung. 2015 einer der Kraft. 2018 hat beides, und das ist seltener, als man denkt. Ein Kenner hat es einmal so beschrieben: Wenn 2015 ein Spaziergang durch den Herbstwald ist, dann ist 2018 der Moment am Ende des Winters, in dem die Natur die Augen aufschlägt. Besser können wir es auch nicht sagen.
Der Rosé: vier Hektar Steilhang im Glas
Wer den Weissen liebt, sollte dem Rosé eine Chance geben. Er teilt mit ihm Jahrgang und Herkunft: 67 % Pinot Noir, 33 % Chardonnay, dieselben 19 Crus. Und doch ist er ein eigener Charakter. Das Geheimnis liegt in 5 % Rotwein von einem einzigen Hang.
La Côte aux Enfants heisst er. Knapp vier Hektar, Grand Cru, so steil, dass man sich beim Hinaufsteigen an den Rebstöcken festhalten möchte. Er gehört Bollinger allein. Für den Rosé stammt der Rotwein aus dem südlichsten Teil des Hangs. Er schenkt dem Wein Farbe, Struktur und einen Hauch samtiger Gerbstoffe, ohne die Frische von 2018 auch nur anzutasten.
Im Glas Erdbeere und rote Johannisbeere, dann Zitrus und Weinbergpfirsich, und ganz am Anfang ein kühler Hauch Minze, der einen kurz innehalten lässt. Dosage 7 Gramm pro Liter. Bollinger nennt den Weissen belebend und vollmundig, den Rosé lebendig und elegant. Nach der Masterclass würden wir beides sofort unterschreiben.
Lunch im Memories
Nach drei Flights und vielen Notizen wechselten wir ins Sven Wassmer Memories, und aus der Theorie wurde ein Tisch voller Antworten.
Zum Apéro gab es kleine Happen mit grosser Wirkung, Sauerteig mit Eierschwämmen und Swiss X.O. Sauce, Shiso mit Gurke und Daikon, Zucchetti mit Yuba und frischem Ziegenkäse, Gruyère mit Kimchi auf Waffel, dazu Special Cuvée aus der Magnum.
Dann der Moment, auf den alle gewartet hatten: Oona Alpine Caviar, eigens mit Sven Wassmer interpretiert, mit Karotte und Quitte, und daneben La Grande Année 2018. Salz trifft Kalk, genau wie bei der Lancierung in Aÿ. Zu Eierschwämmen, Lardo und Tagetes kam derselbe Wein aus der Magnum, und plötzlich schmeckte man, was die grössere Flasche mit Frische und Spannung macht.
Zum Alpenzander mit fermentierter Pilzsauce und Nüsslisalat öffnete das Haus einen La Grande Année 1995. Dreiundzwanzig Jahre älter, nussig, tief, und doch mit derselben DNA. Wer da noch zweifelte, wohin 2018 einmal reifen kann, hatte die Antwort im Glas.
Die Ente mit Erbsen und Salsa Verde tanzte mit dem Rosé 2018, das Dessert aus Magnolie, «Älplerschokolade» und Sake mit dem Rosé Brut aus der Magnum. Zum Schluss Macaron mit Kamille und Erdbeere und eine Sanddornpraline.
Ein herzliches Dankeschön an das Edvin Team, das diesen Tag mit so viel Sorgfalt organisiert hat. An Sven Wassmer für sein Engagement als Ambassador und seine Küche, die die Alpen so selbstverständlich mit der Champagne ins Gespräch bringt. Und an das ganze Team von Amanda Wassmer Bulgin für den exzellenten Service, der so herzlich wie präzise war. Merci vielmal.
Ein Jahr, das nicht wiederkommt
La Grande Année gibt es nur in grossen Jahren. Und selbst unter den grossen Jahren ist 2018 eines, über das man noch lange reden wird: der Sommer, der zu früh kam, die Lese im August, der Auftakt einer Serie, die schon jetzt mit den Legenden verglichen wird. Wer diese Flasche heute öffnet, trinkt Geschichte im Entstehen. Wer sie in den Keller legt, wird sich in zehn Jahren dafür danken.
Madame Lily Bollinger, die das Haus von 1941 bis 1971 durch Krieg und Nachkriegszeit führte, trank Champagner, wenn sie glücklich war und wenn sie traurig war. Ausser sie hatte Durst, dann sowieso. Für diesen Jahrgang, glauben wir, hätte sie keinen Grund gebraucht.
La Grande Année 2018 und La Grande Année Rosé 2018 sind ab sofort bei uns erhältlich. Jetzt im Webshop auf edvinweine.ch. Für Gastronomiebetriebe ist unser Team direkt für euch da.


