11/16/2020 | 5 min | #Basics #Fragen

Wie lese ich eine Weinetikette?

In unseren Breitengraden von oben nach unten und von links nach rechts.

Das grösste Problem, welches die Weinwelt hat, ist, dass sie vergessen hat, wie Endkonsumenten reden. Durch eine immer etabliertere Sprache hat sie es geschafft, sich komplett vom normalen Vokabular zu entfernen und dadurch die Mehrzahl der Weintrinker einzuschüchtern und/oder zu überfordern. Bravo.

Die Franzosen sind die Schlimmsten.

Nicht nur sind die Namen der Produzenten und Regionen unaussprechbar, sondern meistens erschlagen uns ihre Etiketten auch noch mit schicken Wörter wie Cru, Premier, Cuvée und Reserve.

Warnung:
Der untenstehende Teil wird furztrocken. Besser ihr schenkt euch ein Glas Wein ein, bevor ihr euch ein önologisches Lexika reinzieht.

Entwarnung:
Das meiste Geschnörkel auf Etiketten ist total überflüssig. Also konzentrieren wir uns aufs Nötigste:

Cuvée

Eine Zusammenführung verschiedener Traubensorten (z. B. Merlot und Cabernet Sauvignon), verschiedener Parzellen (südlicher Hang und östlicher Hang), verschiedener Fässer (Wein von amerikanischen und von französischen Holzfässern) oder sogar verschiedener Jahrgänge (bei Champagner) zu einem Wein. Cuvées sind nicht minderwertig, sondern wirken oft komplexer, als wenn die Trauben getrennt werden und zu individuellen Weinen gekeltert werden.

Wenn auf dem Champagner Cuvée steht, weist die Etikette auf höchste Qualität hin. Cuvée nennt man den Teil des Saftes, der natürlich durch das Gewicht der Trauben im Bottich entsteht (Vorlaufsaft) und nicht durch maschinelles Pressen (kann Bitterstoffe aus den Traubenschalen und -kernen lösen). In der Champagne gibt es noch hundert andere Einsätze vom Wort Cuvée, aber ich schreibe hier ja kein Buch.

ACHTUNG! Im französisch sprechenden Raum steht Cuvée Prestige oder Tête de Cuvée für das Spitzenprodukt des Weingutes.UND! In der Schweiz sind Cuvée und Assemblage das Gleiche.

Reserve

Die Angabe «Reserve» klingt ausgefallen, aber sie bedeutet eigentlich nichts Offizielles. Es gibt keine Regeln dafür, was ein Reserve-Wein ist. Viele Weingüter verwenden es, um ihre Spitzenweine zu bezeichnen.

Reserva, Riserva

Was zur allgemeinen Verwirrung beiträgt sind die Bezeichnungen «Riserva» und «Reserva». Diese Wörter seht ihr vor allem bei spanischen und italienischen Rotweinen, sie nehmen Bezug auf die Lagerung der Weine. Hier die häufigsten Fälle:

Rioja Reserva

Min. Fasslagerung 12 Monate (Wein reift nur im Fass) Min. Flaschenlagerung 24 Monate (Wein reift danach noch in der Flasche) Rioja Gran Reserva Mindest Fasslagerung 24 Monate (Wein reift nur im Fass) Mindest Flaschenlagerung 36 Monate (Wein reift in Fass und Flasche)

Barolo

Barolo Min. Fasslagerung 18 Monate (Wein reift nur im Fass) Min. Lagerung allgemein 38 Monate (Wein reift in Fass und Flasche) Barolo Riserva Min. Fasslagerung 18 Monate (Wein reift nur im Fass) Min. Lagerung allgemein 62 Monate (Wein reift in Fass und Flasche)

Barbaresco

Barbaresco Min. Fasslagerung 9 Monate (Wein reift nur im Fass) Mindest Lagerung allgemein 26 Monate (Wein reift in Fass und Flasche) Barbaresco Riserva Min. Fasslagerung 9 Monate (Wein reift nur im Fass) Mindest Lagerung allgemein 50 Monate (Wein reift in Fass und Flasche)

Chianti Classico Riserva Min.

27 Monate Lagerung (füdliegal ob im Fass oder in der Flasche)

Brunello di Montalcino Riserva

Min. Fasslagerung 24 Monate (Wein reift nur im Fass) Min. Lagerung allgemein 5 Jahre (Wein reift in Fass und Flasche); Reift 1 Jahr länger als der normale Brunello di Monalcino

Vino Nobile di Montepulciano

(einfach noch zum Spass, auch wenn bei diesem Wein kein Riserva steht) Min. 3 Jahre Lagerung (füdliegal ob im Fass oder in der Flasche); Reift 1 Jahr länger als der Rosso di Montepulciano

Sauerstoff wirkt auf Wein, wie Yoga auf uns: Entspannend.

Was bringt diese ganze Lagerungsgeschichte dem Wein, ausser dass er für uns teurer wird (Lagerkosten = Aufpreis)? Fässer lassen ganz wenig Sauerstoff rein, was dazu führt, dass sich Tannine und sonstige Stoffe langsam in den Wein integrieren und der Wein so schön geschmeidig wird.

Apéro ist Apéro. Egal ob mit oder ohne Cru.

Crus findet man mehrheitlich auf französischen Etiketten. Cru ist eine Bezeichnung für eine Lage/Parzelle, die meistens besser klassifiziert ist als andere Lagen und so auch bessere Weine liefern kann (gestützt auf Qualität des Terroirs). Einige dieser Crus wurden aber bereits vor Jahrhunderten zu «Champions» bestimmt. Daher lohnt sich eine gewisse Skepsis. Folgende Regionen benutzen Crus als Klassifizierungen:

Burgund

  • Grand Cru: Die besten Lagen.
  • Premier Cru: Die zweitbesten Lagen.

Bordeaux

Ich fange gar nicht erst an. Sorry.

Champagne

Die 17 Grand-Cru-Orte in der Champagne stehen zwar praktisch nie auf der Etikette, aber trotzdem existieren sie. Merke Dir folgende Spitzen-Crus: Ambonnay, Avize, Aÿ, Bouzy, Cramant, Le Mesnil-sur-Oger, Oger, Verzenay und Verzy.

Elsass

Das Elsass verfügt über 50 Spitzenlagen oder eben Grand Crus, in denen aber nur Riesling, Gewürztraminer, Pinot Gris und Muscat wachsen dürfen.

Grosses Gewächs

Falls ihr das auf einer deutschen Weinetikette entdeckt, dann hat es die gleiche Relevanz wie die Grand Cru Bezeichnung: grosses Kino.

Und zu Hause?

Übrigens hat auch die Schweiz Grand Cru Lagen. Wir besitzen 2 Grand Cru Lagen (Salgesch im Wallis, Dézaley im Waadtland). Von grosser Wichtigkeit sind diese hier nicht. Wahrscheinlich interessieren wir uns auch zu wenig dafür. Ob das schlimm ist, bezweifle ich.

Ein paar typische Etikettenwörter ganz einfach erklärt:

Prestige:

Keine fixe Bedeutung. Es ist nicht etepetete, aber ein bisschen halt schon.

Vin Du Patron, Reserve du Patron:

Der hochwertigste, meistens teuerste Wein eines Weingutes (vor allem in der Schweiz oft in Gebrauch).
Höchste Zeit für einen Reserve de dini Chefin.

AOC, DOCG, IGT:

Bei diesen verflixten Abkürzungen handelt es sich um Weinkategorien. Diese Herkunftsbezeichnungen sollten dem Endkonsumenten helfen, den Wein einzuordnen (Topwein, Durchschnittswein, Plörre etc). Ein Weingut erhält diese Bezeichnungen nur, wenn er sich auch an die Gesetze in jener Region hält, um eben Spitzenweine zu produzieren: Terroir (nur bestimmte Traubensorten dürfen gepflanzt werden), Pflanzendichte, Maximalertrag pro Hektar, Wein-Analysen etc. Mein Tipp: Je mehr Buchstaben die Abkürzung hat, desto strenger sind die Gesetze für einen Qualitätswein. Aber Achtung, diese Gesetze schränken gleichzeitig die Freiheit und Kreativität im Reb- und Weinbau ein ... was zu einer Homogenität führen kann. Wie immer ist alles mit Vorsicht zu geniessen.

Wie das ganze in der Praxis angewandt wird, erfahrt ihr hier:

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